Wie ist die Lebensmittelampel zu beurteilen?

Derzeit ist sie wieder stark in der Diskussion: die Lebensmittelampel. Ob die Ampel kommt oder nicht, ist nach wie vor offen. So oder so – sie ist durchaus kritisch zu sehen, und zwar aus folgenden Gründen:

Willkürliche Auswahl der bewerteten Nährstoffe

Auf der von Foodwatch propagierten Ampel ist der Gehalt eines Lebensmittels an vier Nährstoffen angegeben: Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz.

Allein schon diese Auswahl ist irreführend – je nach gewählter Ernährungsweise und auch je nach wissenschaftlicher Ansicht sind nicht Fette allgemein das Problem, sondern insbesondere stärkehaltige Kohlenhydrate. Auch die WCRF (World Cancer Research Foundation) weist auf die starken Auswirkungen stärkenhaltiger Lebensmittel auf Übergewicht und die Entstehung von Krebserkrankungen hin – warum wird bei der Ampel also z.B. nicht auch auf einen hohen Stärkegehalt des bewerteten Lebensmittels hingewiesen?

Auch andere besonders problematische Stoffe finden bei der Ampel keine Berücksichtigung: ein Produkt kann durchaus bei allen bewerteten Nährstoffen im grünen Bereich liegen aber z.B. problematische E-Zusatzstoffe enthalten, vor denen die Ampel gerade nicht warnt. Auch wenn ein Produkt einen geringen Anteil an den zu vermeidenden Transfettsäuen enthält, kann dies in der Ampel völlig untergehen.

Wenden wir uns aber nun den einzelnen angegeben Nährstoffen zu:

Fett und gesättigte Fettsäuren

Ob es besser ist, seinen Energiebedarf überwiegend aus Kohlenhydraten oder aus Fetten zu decken, ist durchaus umstritten. Fett an sich herauszugreifen und allein vor einem hohen Fettanteil zu warnen, greift demnach zunächst zu kurz.

Besonders ausgewiesen werden dann die gesättigte Fettsäuren, die für den Körper tatsächlich nicht essentiell sind, da er diese – z.B. für den Aufbau der Zellmembranen – durchaus selber bilden kann. Gesättigte Fettsäuren in der Nahrung dienen faktisch als reiner Energieträger. Inwieweit (welche) gesättigte Fettsäuren bei einer hohen Zufuhr aber für gesundheitliche Probleme ursächlich sind, ist noch nicht abschließend geklärt.

Verblüffenderweise aber nicht angegeben ist der Gehalt an Transfettsäuen, die zu den ungesättigten Fettsäuren zählen und in Verdacht stehen, zahlreiche Krankheiten auslösen zu können.

Zucker

Bei der Zuckerangabe werden sowohl die natürlich vorkommenden Zucker wie die zugesetzten Zucker berücksichtigt. Im englischen Modell ist dies differenzierter, was jedoch dazu führen kann, dass die Ampel erst bei einem höheren Gesamtzuckeranteil umspringt. Die strengere Einteilung nach dem Foodwatch Vorschlag ist hier jedenfalls besser.

Nicht unterschieden wird jedoch, um was für eine Zuckerart es sich handelt – z.B. ob um fruchteigene Fructose oder den sehr bedenklichen Glukosesirup.

Man kann nun diese Pauschalierung begrüßen, sachgerecht ist sie aber nicht.

Salz

Hier geht es um den Gehalt an Kochsalz, das der wichtigste Lieferant für Natrium und Chlorid ist. Da hier ohnehin eine möglicherweise schädliche Überversorgung besteht, ist die Angabe des Salzgehalts durchaus sinnvoll.

Bezugsgröße 100g

Die Bezugsgröße für den jeweiligen Nährstoffgehalt ist jeweils 100g, was das System gänzlich ad adsurbum führt:

So enthalten z.B. Walnüsse pro 100g ca. 47,5g Fett – und damit würde die Fett-Ampel für Walnüsse rot leuchten – dabei wird der Verzehr von kleinen Portionen Nüssen durchaus empfohlen. Hier gibt die Ampel ein falsches Signal.

Auch viele andere Lebensmittel, die in kleinen Portionen durchaus empfehlenswert sind würden rot gekennzeichnet, z.B. Käse.

Im Gegenzug werden große Portionen von Fertiggerichten genau so gut oder schlecht bewertet wie kleine. Auch das ist problematisch, da die meisten Menschen immer die ganze Portion essen: ob diese 50g, 100g oder 150g enthält.

Hohe Spannweiten

Die Spannweiten innerhalb der jeweiligen Ampelfarben sind zu groß: so kann ein hinsichtlich des Fettgehalts gelb beurteiltes Produkt entwer 3,01g oder 20g Fett enthalten – ein nicht unerheblicher Unterschied. Ob 0,0g Fett oder 3g Fett je 100g enthalten sind: die Ampel leuchtet grün. Und sowohl 20,01g und 90g Fettanteil lassen die Ampel ein rotes Signal abgeben. Differenzierungen sind hier nur schwer möglich.

Manipulationsmöglichkeiten

Mit geringen Änderungen der Zusammensetzung eines Fertigprodukts können andere Signalfarben erreicht werden – warum nicht gesättigte Fettsäuren gegen Transfettsäuren täuschen und damit ein rotes Signal weniger auf der Packung?

Fazit

Nach alledem ist es nicht verwunderlich, dass Foodwatch auf seiner Internetseite schreibt, dass der Widerstand der Industrie gegen die Ampel bröckelt. Dahinter steckt Einsicht – nämlich die Einsicht, dass die Ampel industriefreundlicher ist, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag.

Vielmehr muss eine strengere, flexiblere und dennoch eingängige Form der Lebensmittelkennzeichnung gefunden werden.


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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 16.06.2010